Der eine Moment, der mein Leben in ein Vorher und Nachher geteilt hat - Wie aus einer Kündigung mein Weg zu mir selbst wurde
- Bea Cervinka

- vor 8 Stunden
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September 2020. Die Welt hält den Atem an, und ich sitze an meinem Küchentisch mit einem leeren Formular vor mir. Das Arbeitsamt braucht einen Businessplan. Zahlen, Prognosen, Umsatzerwartungen — einen Beweis, dass mein Traum förderungswürdig ist.
Ich nehme den Stift und frage mich, ob das hier irgendeinen Sinn ergibt.
Ich schrieb Zahlen auf, die ich mir ausgedacht hatte. Prognosen, die niemand garantieren konnte. Pläne, die das Leben — mein Leben, das ich ja kannte — mit ziemlicher Sicherheit wieder anders gestalten würde als vorgesehen. Es hatte sich doch bisher so ziemlich um jeden Plan herumgebogen, den ich je gemacht hatte.
Und jetzt saß ich hier und sollte aufschreiben, wie es diesmal laufen würde. Der Gedanke, der sich durch all das hindurchzog, fühlte sich bleischwer an.
Es waren nicht die Zweifel an der Tatsache an sich, sondern die Frage einer Frau, die ihren Traum schon so oft umformuliert, verschoben und angepasst hatte. War dieser Traum vielleicht einfach nicht für sie gedacht? War die Hartnäckigkeit, mit der sie immer wieder aufstand, Stärke — oder Sturheit? War es Mut, trotz aller Wiederstände einfach weiterzumachen — oder die Unfähigkeit loszulassen?
Kurzantwort: Der Wendepunkt in meinem Leben kam im September 2020, als ich mitten in der Corona-Pandemie gekündigt wurde. Davor hatte ich jahrelang meinen Traum vom eigenen Studio nebenberuflich verfolgt — durch Umwege, Verzögerungen und eine Schwangerschaft hindurch, die eigentlich nicht möglich war. Die Kündigung zwang mich zur Entscheidung: zurück in die Anstellung, oder all-in? Ich wählte all-in.
Wie sah mein Leben vorher aus?
Ich war Augenoptikerin. Ein solider Beruf, ein geregelter Alltag, eine klare Zukunft — und der Traum von etwas, dass noch wachsen durfte.
Der Traum vom Eigenen begleitete mich schon lange. Während der Ausbildung war es der des Fachgeschäfts für Kinderoptometrie, doch dann schlug mein Leben eine ganz andere Richtung ein: Ich begegnete den Bienen, entdeckte das Reiki. Und seitdem wusste ich, dass ich einen Raum schaffen wollte, um Menschen zurück zu führen. Zu sich, zu ihrem Körper, zu einer gesünderen, heileren Welt.
2016 eröffnete ich dann nebenberuflich mein Studio, meine casa cervinka. Zuerst als Kosmetik- und Wellnessstudio, dann als ganzheitlicher Gesundheitsraum. 2017 wurde ich schwanger, obwohl es laut Reproduktionsmediziner nicht möglich war — das Studio wartete, während mein Leben andere Pläne hatte. Als ich 2018 wieder in die Festanstellung zurückkehrte, war alles noch in Ordnung. Und dann kam 2020.
Der Moment, der alles verändert hat
Der September 2020 war ungewohnt still. Draußen herrschte eine gedämpfte Betriebsamkeit — Masken, Abstand, die Erschöpfung einer Welt, die nicht wusste, wie lange der Ausnahmezustand noch dauern würde. Unser Geschäft gehörte zur Gesundheitsbranche, also blieben wir offen. Und trotzdem kam die Kündigung.
Ich erinnere mich an das Gefühl: zuerst Wut. Dann Unverständnis. Dann eine Trauer, die schwerer war als erwartet — über die Stelle, die zu meinem zweiten Zuhause geworden war. Über geheuchelte Zusagen und die Illusion der Kameradschaft. Über Sicherheit, die verschwand. Ich meldete mich beim Arbeitsamt, buchte eine Rechtsberatung. Doch es nützte nichts. Ich schrieb Bewerbungen, bekam Absagen. Schickte mehr Bewerbungen, bis eine wagemutige Idee durch mein Bewusstsein flackerte: Was wäre, wenn ich den Sprung wage und das Nebenbei an die erste Stelle setze? Und plötzlich saß ich an meinem Küchentisch mit dem neuen Formular des Arbeitsamts.
Ich sollte aufschreiben, wie viele Kunden ich im Monat brauche. Was ich verdienen würde. Wie mein bisher nebenberuflich laufendes Studio als Hauptjob funktionieren könnte. Und während ich schrieb, wurde mir bewusst, was ich da eigentlich gerade tat: Ich presste etwas im Herzen Gewachsenes in ein Tabellen und Zahlen. Ich sollte versuchen, meinen Traum in Geld aufzuwiegen. Doch wer garantierte mir, dass es diesmal so läuft, wie ich mir das hier ausdachte? Niemand. Keine Garantie. Kein Versprechen.
Dennoch schrieb ich weiter.
Was kam danach?
Das Arbeitsamt bewilligte den Plan. Und das Leben gestaltete ihn natürlich wieder anders als vorgesehen — Das Geld vom Arbeitsamt reichte gerade, um die private Krankenversicherung zu bezahlen, Elterngeld und Kurzarbeit geschuldet. Doch ums Geld ging es hier schon lange nicht mehr. Es ging um die Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.
Der Weg gestaltete sich alles andere als geradlinig. Es gab Momente, in denen ich zweifelte, ob die Entscheidung richtig war. Momente, in denen die Energie knapp und der Wunsch alles hintuschmeißen verführerisch groß war. Aber es gab auch etwas, das ich vorher nicht kannte: das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Weil ich arbeiten konnte, wie und wann ich wollte. Ob ich um vier Uhr nachts wach war, weil der Mini schlecht geschlafen hatte? Super, ich entwickelte neue Angebote und schrieb Blogartikel. Onlineberatungen bekamen ein neues Selbstverständnis, das Ausleben der eigenen Kreativität wurde mein neuer Lohn.
Und das Studio verwandelte sich. Der ganzheitliche Gesundheitsraum fand seinen Platz in der Online-Welt. Die Bienen, das Reiki, die Jahreskreisfeste, die Trommel — alles fügte sich zu einem Angebot, das ich heute das Seelenatelier nenne.
Wie dieser Moment mein Leben heute noch prägt
Ich denke manchmal an diesen Küchentisch zurück. An das leere Formular, die offenen Fragen, den Stift in meiner Hand.
Was mich heute noch begleitet, ist die Erkenntnis, die sich in diesem Moment ihre Bahn brach: Ein Plan ist kein Versprechen. Aber das Weiterschreiben, das Weitergehen — das Trotzdem — das ist eine Entscheidung, die ich seitdem immer wieder treffe.
Das Seelenatelier ist aus genau aus diesem Moment entstanden: Eine Einladung an Frauen, die spüren, das etwas nach ihnen ruft — und dieses Etwas trotzdem immer wieder auf später verschieben. Die wissen, dass da mehr ist, aber auf den richtigen Moment warten. Auf die Garantie, dass es klappt.
Die Garantie kommt nicht. Aber der Moment aufzustehen und loszugehen — der ist jetzt.



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